Der 1. FC Köln hat ein wirklich turbulentes Jahr fast hinter sich gebracht. Gestern Abend wurde auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung endlich ein neuer Vorstand gewählt. Nach Monaten der anscheinenden Führungslosigkeit, nach Monaten der sportlichen Talfahrt, nach Entlassungen, Fehltritten, Missgunst und Kindergarten-Streiterei nun also endlich: ein bisschen Frieden!

Schumacher, Spinner, Ritterbach: Mutig in die Zukunft.
Knapp 92% der Mitglieder entschieden sich gestern für Werner Spinner, Toni “Tünn” Schumacher und Markus Ritterbach als neuen Vorstand. Das Team um den altehrwürdigen Karl-Heinz Thielen war am Ende chancenlos. Thielens Rede bildet den Schlusspunkt für eine mehr als merkwürdige Kandidatur, die auf jegliche Vorabinformationen verzichtete, und mit Franz Josef Wernze eine Reizfigur im Packet hatte. Der Investor, der sich zunächst als Gönner inszenierte, wollte nun also an die Macht.
Es ist beruhigend, dass der FC, also seine Mitglieder, sich mit einer solchen Überzeugung gegen das durchaus verlockende Geld des Multimillionärs gestellt hat. Der 1. FC Köln ist eben nicht Hoffenheim und nicht 1860 München. Der FC gehört den Kölnern. Und egal wie beschissen die sportliche Situation sein mag: Man bleibt dieser Prämisse treu. Auch deshalb machen mich die 92% für Team Spinner stolz auf meinen Verein. Uns kann man nicht kaufen!
Wir reden wieder
Viel ist passiert seitdem Wolfgang Overath durchaus überraschend seine Rücktritts-Bombe platzen ließ. Lange Jahre führte der “Weltmeister” den Verein, durchaus von oben herab, mit Ecken und Kanten. Es ist der Nachfolger selbst, der nun darauf hinweist, dass der Präsident qua Satzung viel zu viel Macht im Verein besitzt. Spinner will das ändern. Auch betont er immer wieder seinen Willen zur Kommunikation. Er will nicht diktieren. Auf die Frage, was seine erste Amtshandlung sein werde antwortete der ehemalige Topmanager der Bayer AG: “Zuhören!”
Es scheint, als sei genau das in unserem Verein lange nicht geschehen. Ob nun im Streit mit der Fan-Initiative “FC:Reloaded” oder anderswo: Es wird immer klarer, wie unfähig Wolfgang Overath im Gebiet der Kommunikation gewesen sein muss. “Wir haben Kontakt gehabt. Aber die Qualität des Aufhörens war ja Aussage genug. Wenn ich als verantwortungsvoller aktiver Präsident zu einem Rücktrittsentschluss komme, dann gehe ich zu den Verantwortlichen und sage ihnen: Bereitet das vor, und wenn ihr so weit seid, dann machen wir das – so, dass dem Verein nichts passiert”, sagte Interims-Präsident Werner Wolf zum Abgang Overaths. Für die politisch-diplomatische Sprachregelung, derer sich Offizielle gerne bedienen, war das mehr als deutlich.
Keine Spaltung mehr
Wir, also Effzeh@Spox und die von uns initierte “Rote Wand” haben uns seinerzeit hinter Overath gestellt. Vor allem weil wir Ruhe im Verein wollten. Und auch wenn wir uns inhaltlich getäuscht haben – was wir ohne Probleme eingestehen können – bleibt die Erkenntnis: Sogar ein schlechter Präsident ist besser, als gar kein Präsident. Für die Zukunft muss die Aufgabe aller FC-Fans sein, eine derartige Spaltung des Vereins nie wieder zuzulassen. Da nehmen wir uns genauso mit ins Gebet, wie “FC:Reloaded” und jede andere Gruppe, jedes andere Mitglied, jeden anderen Fan. Nur zusammen sind wir stark.
Getäuscht haben wir uns offenbar auch in der Personalie Volker Finke: Anfangs noch mit erfrischend anderer Art, konnte Finke offenbar nicht davon lassen, was einige schon vorhergesagt hatten: Interne Grabenkämpfe zu beginnen. Sei es mit Frank Schaefer, sei es mit Claus Horstmann, sei es schlussendlich mit Stale Solbakken. Und wenn ein Sportdirektor es in kürzester Zeit schafft, sich mit dem Trainer, den er selbst ausgewählt hat, zu überwerfen, dann spricht das eine klare Sprache. Schade um die großen Abfindungen, die uns dieses Experiment gekostet haben wird. Aber jetzt, heute herrscht das Gefühl vor, dass es richtig so ist. Und dieser Eindruck geht vor allem auf Team Spinner zurück.
Der neue Vorstand
In allen ihren Auftritten, die sie im Vorfeld absolvierten, in ihren Aussagen und in ihrer Art, hatte man als FC-Fan seit langer Zeit mal wieder etwas zum festhalten. Auf der einen Seite der Tünn, der mit seiner gewohnt direkten, emotionalen Art, aber auch mit seinem lange gespaltenen Verhältnis gegenüber dem Verein eine optimale Figur zur Identifikation für viele FC-Fans bietet. “Ich habe 25 Jahre darauf gewartet, dass mich mal einer anspricht, ob ich im Verein helfen kann. Aber ich wurde fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Stattdessen habe ich gemeckert über den FC wie ein alter Geißbock”, sagte Schumacher gestern. Auch für ihn dürfte es ein sehr emotionaler Abend gewesen sein. Er ist wieder da, wo er hingehört – bei dem “feinen Club”, wie seine Mutter den FC einst nannte.
Auf der anderen Seite Markus Ritterbach, der unaufgeregt wirkt und den Eindruck vermittelt seine Aufgabe sehr sachbezogen zu interpretieren. Und dann natürlich Werner Spinner. Seien wir ehrlich: Wir alle kannten den Mann bis vor kurzem nicht. Sein langjähriges Engagement bei der Bayer AG und sein durchaus in dieser Situation witziger Nachname ließen zunächst aufhorchen: Ist jemand vermittelbar, der bei Bayer gearbeitet hat? Spinner konnte innerhalb weniger Wochen den Großteil des Vereins hinter sich bringen. Also lautet die Antwort ganz klar: Ja! Er sprach mit Mitgliedern, er sprach mit Verantwortlichen, er sprach sogar mit der “Wilden Horde”, die sich in jüngster Vergangenheit wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat. Spinner wollte alle mitnehmen und es ist ihm gelungen.
Doch was kommt jetzt?
Zunächst möchten Spinner und sein Team eine “Bestandsaufnahme” machen – zwar waren sie schon durchaus in einige Vorgänge eingebunden, vollste Akteneinsicht und damit Zugriff auf die wahre finanzielle Lage des Vereins erhalten sie erst jetzt, wo sie gewählt sind. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verpflichtung eines neuen Sportdirektors. Laut Aussage unseres neuen Vorstands könne eben das jetzt “sehr schnell gehen”. Lokale Medien berichten von der Zusage Jörg Schmadtkes, falls Spinner gewählt würde. Angesichts der sportlichen Situation wäre diese Verpflichtung natürlich schon mal eine deutliche Ansage an die eigenen Fans, aber auch an den Rest der Liga. Ob es so kommt: Wir werden es bald sehen!
Welche anderen Punkte sind dem Team wichtig?
Priorität hat natürlich die Besetzung der vakanten Stellen im Verein, neben dem Sportdirektor muss nämlich auch ein Cheftrainer für die kommende Saison gefunden werden – der Vorstand ließ durchblicken, dass man sich von Frank Schaefer wünschen würde, dass er weitermacht. Gespräche darüber wird es wohl aber erst nach Saisonende geben.
Neben den personellen Änderungen stehen aber auch einige strukturelle Punkte auf dem Programm: Spinner, Ritterbach und Schumacher wollen eine solide Wirtschaftlichkeit im Club einführen, es sollen keine horrenden Ablösen mehr gezahlt werden, es sollen keine teuren, mittelmäßigen Spieler mehr verpflichtet, sondern vermehrt auf die eigene Jugend gesetzt werden. Die Mannschaft soll kölscher werden und dadurch die in Köln für die Stimmung lebensnotwendige Identifikation mit dem Club erhöhen.
Aber auch Abseits des Fußballs warten Aufgaben auf den neuen Vorstand: Die Gewaltauswüchse, die bei Teilen der “Fans” diese Saison offenbar zum guten Ton gehörten, sollen ein Ende haben. Der 1. FC Köln ist ein friedlicher Verein, Gewalttäter sind nicht Teil von uns. Das ist eine wichtige und klare Botschaft.
Der König, der den König abschafft
Das wohl bemerkenswerteste Ziel Spinners ist allerdings, dass er seine eigene Macht beschneiden will. Das ist ein Novum und zum Beispiel für Karl-Heinz Thielen unvorstellbar gewesen. “Mit der jetzigen Satzung kann der Präsident machen, was er will. Das geht nicht. Der Verein braucht keine Alleinherrscher mehr”, stellt Markus Ritterbach klar. Eine Satzungsänderung, die im Grunde die Ursache für den eskalierten Streit zwischen FC:Reloaded und Wolfgang Overath war, soll nun geschehen, gleichzeitig soll die Zusammenarbeit mit den Gremien des Vereins verbessert werden – dafür müssen aber auch diese mit mehr Disziplin auftreten, mahnt Ritterbach vorab.
Am Ende wird die Amtszeit Spinners unter einer simplen aber wichtigen Prämisse stehen: “Ich werde intensiv mit allen reden. Ich will so nah wie möglich an ihnen dran sein. Wir haben einen groben Plan, den wir umsetzen wollen, wenn wir gewählt werden. Aber den wollen wir erst mit ihnen besprechen. Wir brauchen keine Sonnenkönige, die glauben, sie wüssten schon alles”, dem neuen Präsidenten geht es um Kommunikation, um Einigkeit und Zusammenhalt. Kurzum: Es geht um einen FC, der sich seiner Stärken besinnt, der sich auf das besinnt, was ihn mal zu dem “feinen Club” gemacht hat, den Tünn’s Mama einst beschrieb – und genau das wollen wir wieder werden, alle zusammen.
Blick nach vorn
Es spielt keine Rolle mehr, wer sich wann inhaltlich getäuscht hat, es spielt keine Rolle mehr, wer sich wann im Ton vergriffen hat. Das ist Vergangenheit. Wir alle wollten und wollen nach wie vor das gleiche: Einen besseren 1. FC Köln; einen Verein, auf den man stolz sein kann. Da wollen wir hin. Und gemeinsam können wir das schaffen. Dazu gehört aber auch jetzt die Mannschaft, wieviel Kredit auch immer sie zuletzt verspielt hat, zu unterstützen. Dieser Verein gehört ohne Frage in die Bundesliga, lasst uns dafür sorgen, dass er dort auch bleibt.
Wenn et sin muss durch et fuer…
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